»Ich gehe immer erstmal davon aus, dass niemand kommt«, hatte Axel Bosse am Mittag vor seinem Konzert im Rahmen der Landesgartenschau auf die Frage geantwortet, was er denn glaube, wie viele Leute da sein werden. Die Resonanz dürfte ihn dann positiv überrascht haben.Dass es letzten Endes 4000 sein sollten, die Bosse zusammen mit seiner Band live sehen wollten, darf von den Machern der Gartenschau und den Organisatoren der Musikzentrale als Riesenerfolg gewertet werden. Waren es zu Beginn von Bosses Auftritt bereits 2000 Zuhörer gewesen, wuchs die Menge während des Konzerts rasant an. Im Fokus des Konzertes standen die Titel der am Freitag erschienenen DVD »Kraniche – live«.

Seine Bescheidenheit ist ein Grund für Bosses wachsenden Erfolg. Der 34-jährige Wahl-Hamburger gefällt durch Authentizität und die Nähe zum Publikum. In seinen Songs erzählt er auf fast lyrische Art und Weise Geschichten – große Geschichten aus der Ferne wie etwa in »Istanbul«, das in Gießen in einer reduzierten Unplugged-Version dargeboten wurde, und ganz kleine, persönliche, wie in »Schönste Zeit«, jenem Song, in dem Axel »Aki« Bosse von seiner Zeit als Jugendlicher in der niedersächsischen Provinz erzählt: »Am Tag, als Kurt Cobain starb, lagst Du in meinen Armen«.

Vielleicht liegt es daran, dass Bosse in einem kleinen Nest bei Braunschweig aufgewachsen ist und sich schon als Jugendlicher seinen Weg suchen musste, dass er so auf dem Boden geblieben ist. Er ist ein absolut lockerer Typ, der sich auch gerne mal mitten ins Publikum begibt, um dort mit den Leuten gemeinsam zu singen. Auch sonst sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Ich war heute schon ein bisschen einkaufen hier in der Stadt, jetzt wollen wir gleich nach nebenan ins Freibad«, erzählt er am Mittag gut gelaunt, auch wenn er ein bisschen müde wirkt. Am Vorabend hatte die Band noch ein Heimspiel in Braunschweig, da wurde dann noch ein bisschen gefeiert. Ob er keine Angst habe, etwa im Freibad zu oft von Fans erkannt zu werden? Bosse schüttelt den Kopf. »Ich kann Menschen nicht ausstehen, die sich selbst für etwas Besseres halten«, hatte er vor einigen Wochen im Interview verraten. Wenn man ihn auf der Bühne sieht, glaubt man das sofort. Die Songs gehen runter wie Öl und passen perfekt zu diesem fantastischen Sommerabend. Mal sind die Songs ruhig und ergreifend, wie etwa das nachdenkliche »Vier Leben«, in dem Bosse davor warnt, sein Leben zu sehr der Hektik zu unterwerfen. In seinen Songs mischen sich Pop-Strukturen mit Singer/Songwriter-Elementen, vor allem die flächigen Pianosounds hauchen den Titeln Leben und Größe ein, Trompetenklänge sorgen zusätzlich für Akzente.

An seiner Band ist er genauso nah wie im Publikum, immer wieder werden Bandmitglieder, Techniker und Roadies mit in die Ansagen einbezogen. Viele seiner Songs sind außerdem wirklich tanzbar – wenngleich er selber sagt, nicht tanzen zu können, aber dennoch in seinem unnachahmlichen Stil über die Bühne hampelt und hüpft. »Einige beschimpfen mich als Rumpelstilzchen, weil ich so komisch tanze«, macht er sich über sich selbst lustig. Aber das Tanzen gehört zu ihm wie die dunkle Jacke, die er auch bei 30 Grad im Schatten auf der Bühne trägt, selbst wenn ihm der Schweiß aus den Ärmeln rinnt. Die Leidenschaft, die er bei allem an den Tag legt, überträgt sich aufs Publikum. Da wird textsicher mitgesungen, getanzt, mit den Armen gewedelt. Bosse gehört zu den deutschen Acts, die man unbedingt einmal live gesehen haben sollte.

Doch nicht nur Bosse hat die Musikfans am Samstag begeistert. Unterstützt wurde er von zwei vielversprechenden Gießener Gruppen. Den Anfang machten Campaign like Clockwork. Das Quintett mit Sänger Rafael Cano Garcia bietet eine extravagante Mischung aus Popmusik und Indierock. Die Songs erinnern zumeist an britische Indiebands wie Muse oder Maximo Park, aber auch The Killers oder gar 80er-Anleihen schimmern durch. Markante Keyboardläufe und gekonnt gesetzte Elektroakzente machen die Musik tanzbar und lassen Stücke wie »The Drinks are on the House«, »Alien« oder »We are hype« zu Ohrwürmern werden.

Zweite Band im Reigen waren Neoh. Der Gießener Deutschpop-Fünfer hat sich 2013 fast komplett dem Songwriting gewidmet. Herausgekommen sind zahlreiche eingängige und radiotaugliche Popnummern, die von Gefühlen erzählen – von Freundschaft, Liebe. Das eingängige »Hallo« mit seinem »Gossip«-ähnlichen Beat und Indierock-typischen Stampfgitarren lädt sofort zum Mitsingen ein, »Virus« schickt sich an, ein Sommerhit zu werden. Ein Tom-Tom-Intro á la »Imagine Dragons« eröffnet »Nächte«, viel Gefühl legt Frontfrau Fee Mietz mit ihrer kraftvollen und klaren Stimme in Songs wie »Nicht echt« oder »Ich liebe es«, das sie nur im Duett mit Gitarrist Matthias Bender darbietet. Beide Bands haben im Laufe der vergangenen Jahres noch einmal eine Schippe drauf gelegt – und beide haben das Zeug, einer der nächsten großen Exporte aus Gießen zu werden. (sag)

Aus: Gießener Allgemeine Zeitung, Autorin: Sabine Glinke

 

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